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Reise ins ewige Eis:

Antarktis-Expedition Dronning Maud Land

Er hat es schon wieder getan! Team-Athlet und Polarexpeditionsexperte Christoph Höbenreich hat sich zum Jahreswechsel 2018/19 erneut in polares Neuland gewagt und gemeinsam mit zwei Expeditionspartnern für 2 Wochen eine der am wenigsten bekannten und erkundeten Hochgebirgsregionen der Erde bereist: die Holtedahlberge im Dronning Maud Land in der Ostantarktis. Wie (kalt) es dort war, was er erlebt hat und welche unvergesslichen Momente er mit nach Hause genommen hat, erzählt er uns in diesem Interview.

Reise ins ewige Eis:

Christoph, die erste und wichtigste Frage: Warum denn überhaupt die Antarktis?

Die Antarktis ist der Kontinent der Rekorde: Der südlichste, abgelegenste, menschenärmste, schneereichste, trockenste, kälteste, windigste und friedlichste Kontinent. Die Hochgebirge Antarktikas sind für Bergsteiger heute weitestgehend das, was der Himalaya in den 1960er und 1970er Jahren war: Hier findet man noch ganze Gebirgszüge und -massive, in die noch nie ein Mensch vorgedrungen, geschweige denn alpinistisch tätig gewesen ist. Wer sich hier mit Schi, Schlitten und Zelt aussetzt, ist vollkommen auf sich allein gestellt in der größten Eis- und Schneewildnis des Planeten. Hier lässt sich Neuland erkunden, Neugierde stillen, Einsamkeit erleben.

 

Die „Klassiker-Frage“, die in diesem Fall aber doch spannend ist: Wie war das Wetter? Und was habt ihr überhaupt gegessen?

Insgesamt war uns der antarktische Sommer heuer sehr gewogen und wir blieben vor allem von einem schweren katabatischen Sturm verschont. Das sind schwere Fallwinde, die ohne Vorwarnung entstehen, wenn eisig kalte, schwere Kaltluft vom zentralen Südpolarplateau zu den Kontinentalrändern hin abfließt, wo sie durch Eisabdachung und Düseneffekte in den Gebirgen auf weit über 100 km/h beschleunigt wird. Wir hatten traumhaftes Südpolarwetter mit vergleichsweise angenehmen -15°C untertags, aber klirrenden -30°C in der "Nacht", erlebten aber auch White Out und sogar einige Zentimeter Neuschneefall mit trockenstem Pulver – eine absolute Seltenheit im Inneren Antarktikas. Unsere Nahrung bestand einerseits aus dehydrierter Expeditionstrockennahrung aber auch aus „handfesten“, energiereichen Lebensmitteln wie Speck, Parmesan, Trockenbrot, Schokolade, Nüssen und Trockenfrüchten.

 

Wie würdest du das Gebiet, in dem ihr unterwegs wart, beschreiben und welche Gipfel habt ihr dort bestiegen?

Dronning Maud Land und seine Teilregion Neuschwabenland sind ein wahres Traumland. Hier durchbrechen gigantische Felstürme wie riesige Kathedralen oder Raketen den mächtigen südpolaren Eispanzer. Viele Berge sind unbenannt, die meisten unbestiegen. Es gelang uns, die nördlichen Holtedahlberge mit Schi und Polarschlitten zu umrunden und drei aussichtsreiche Berggipfel, zwei davon als erste Menschen überhaupt, zu besteigen. Ihrem Aussehen nach haben wir die Berge „Schneekrone“, „Schneeglocke“ und „Würfelturm“ benannt.

Was war bei dieser Expedition anders als gewohnt? Hattet ihr unvorhersehbare Schwierigkeiten?

Es ist spannend, zuerst zu Hause anhand der Fotografien vorangegangener Expeditionen und mit Satelliten- und Luftbildern mögliche Routen ausfindig zu machen und dann in Natur zu schauen, ob und wie es dann geht. Da ist natürlich viel Gespür, Instinkt und Erfahrung erforderlich. Doch selbst trotz bester Vorbereitung ist man nie vor Überraschungen, und zwar tollen wie auch unangenehmen, gefeit. Die Antarktis hält noch viele Geheimnisse für Generationen von Bergsteigern bereit, die es zu entdecken gilt.

 

Gab es besondere Vorkommnisse während eurer Expedition?

Trotz genauem Studium der vorhandenen Karten und Luftbilder sowie vorsichtiger Routenwahl wurden wir heuer auf einem völlig flachen Gletscher von einem riesigen Labyrinth gigantischer Gletscherspalten überrascht. Am Bauch liegend robbte ich zu einem wenige Dezimeter aufgebrochenen Riss, den man an der Oberfläche kaum sah. Ich wagte einen Blick in einen Abgrund und erstarrte beinahe. Unter mir ging es ca. 30 Meter in die Tiefe. Zur Seite öffnete sich der Gletscher ins bodenlose Schwarz. Bei aufkommendem Sturm, einsetzendem Schneefall und schlechter werdender Sicht mussten wir ein Notlager auf einer sicheren Eisinsel, umgeben von unzähligen, kreuz und quer laufenden Gletscherspalten errichten. Und als sich am nächsten Morgen der Sturm gelegt hatte und der Gletscher frisch verschneit friedlich glitzerte, hieß es Schritt für Schritt drei Mal sondierend einen sicheren Weg durch dieses Minenfeld zu finden, um zu unserer Ausgangsbasis zurückkehren zu können. Zum Glück hatte ich meine Lawinensonde dabei und am Handgelenk befestigt und konnte damit quasi unter die Schneedecke schauen und uns im Zick-Zack aus diesem unsichtbaren Monster herausführen.  Die Gefahren des Eises und der Kälte liegen auf der Hand. Mit entsprechender Vorsicht, Erfahrung und Ausrüstung kann man sich davor recht gut schützen. Aber kaum einer ahnt, dass die größte Gefahr im Eis die Feuergefahr ist. Aber wenn bei bis zu -30°C Außentemperatur im Zelt mit Benzinkochern hantiert wird, ist höchste Vorsicht geboten. Ein abgefackeltes Zelt wäre nicht nur das Aus der Expedition, sondern bedeutet akut Lebensgefahr.

 

Was macht eine Expedition in der Antarktis so besonders, bzw. vielleicht auch besonders schwierig?

In der antarktischen Mitternachtssonne hat man genug Zeit und muss nicht fürchten, während einer Bergtour in Dunkelheit zu geraten. Dafür muss man aber bei jedem Schritt sehr vorsichtig sein, denn es gibt keine Berg- oder Flugrettung, die in einem Notfall schnell Hilfe leisten könnte. Markierte Wege, Wegweiser oder Schutzhütten gibt es natürlich auch keine. Beste Vorbereitung, Gesundheit und Ausrüstung, auf die man sich hundert prozentig verlassen können muss, sind selbstverständlich. Gefragt sind Teamgeist, Flexibilität und Freude daran, auf Berge ohne Namen zu steigen, die zwar niemand kennt, aber die intensivsten Bergerlebnisse in völliger Abgeschiedenheit ermöglichen. Ich denke, dass wohl nur Astronauten, die den Mond erkundeten, noch ausgesetzter gefühlt haben dürften.

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