Vier Frauen, eine Erstbegehung: „Örümcek Women“ im Aladağlar, Türkei | AUSTRIALPIN
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Vier Frauen, eine Erstbegehung: „Örümcek Women“ im Aladağlar, Türkei

Vier Frauen, eine Erstbegehung: „Örümcek Women“ im Aladağlar, Türkei

Mit Zug, Bus und der Idee, im türkischen Aladağlar-Gebirge eine neue Linie zu eröffnen und das Gebiet zu entdecken, machten sich Leonie Filz, Jana Scheiring, Hannah Rabl und Lisa Perwitzschky im August auf den Weg Richtung Osten. Sie berichten von ihrem gemeinsamen Abenteuer und der Entstehung ihrer Erstbegehung „Örümcek Women“.

"Unser Abenteuer begann am Innsbrucker Hauptbahnhof. Mehr oder weniger minimalistisch gepackt, machten wir uns auf den Weg Richtung Osten. Jede von uns schleppte dabei ungefähr 40 kg Gepäck mit sich herum – wir sahen es als Training für die Bergtouren im Aladağlar (;

Unser erster Zwischenstopp: Wien Hauptbahnhof. Während Leonie hochmotiviert schon eine Runde joggen ging, um sich auszupowern, mussten wir „leider“ beim Gepäck bleiben. Danach ging es mit dem Nachtzug nach Bukarest und von dort mit Bus und Öffis weiter Richtung Istanbul. Die lange Fahrt vertrieben wir uns unter anderem damit, den Harry-Potter-Song einzustudieren. Was anfangs nach einer guten Idee klang, scheiterte allerdings ziemlich schnell an zu viel Gelächter. Mit jedem Kilometer Richtung Osten wurde uns langsam bewusst: Wir waren tatsächlich auf dem Weg in die Türkei – zu viert, mit einem ziemlichen Haufen Klettermaterial und dem Plan, eine neue Linie zu klettern."

"Nach einigen weiteren Stunden im Bus kamen wir schließlich im Aladağlar an. Unser Zuhause für die ersten Tage wurde der Campingplatz von Recep Ince, der sozusagen der Hausherr in dem Gebirge ist. Zunächst wollten wir vor allem das Gebiet kennenlernen, unterschiedliche Wände und Täler erkunden und ein Gefühl für den Fels, die Absicherung und die Schwierigkeiten bekommen. Wir starteten mit Sportklettern im Kazıklı Canyon und im Pınarbaşı Canyon, bevor wir das Emli Valley erkundeten und an den Kayacık- und Karayalak-Towers einige Mehrseillängen kletterten. So bekamen wir nach und nach einen besseren Eindruck davon, welche Wände für uns spannend sein könnten. Schließlich entschieden wir uns dafür, uns die Kayacık Towers genauer anzusehen.

Im Kayacık Camp wurden wir herzlich von Mehmet aufgenommen. Zwischen Frettchen beobachten, Ponyreiten und Çay trinken dauerte es nicht lange, bis wir direkt neben dem Camp eine spannende Linie entdeckten. Wir waren uns ziemlich schnell einig: Die wollen wir versuchen. Etwas aufgeregt waren wir schon. Schließlich hatten wir alle noch eher wenig bis gar keine Erfahrung mit eigenen Erstbegehungen. Genau darin lag aber auch eines der wichtigsten Ziele unserer Reise: selbstständig Erfahrungen zu sammeln und uns auszuprobieren. Wir wollten Entscheidungen selbst treffen, eine Linie eigenständig einschätzen und herausfinden, wie weit wir mit unserem bisherigen Wissen und Können kommen würden.

Am ersten Tag gingen wir zunächst zu viert zur Wand – nicht zuletzt, weil Bohrmaschine, Akkus, Haulbag und das restliche Klettermaterial alles andere als leicht waren. Hannah wollte gerne den Anfang machen und traute sich als Erste in die Wand. In der zweiten Seillänge wurde allerdings ziemlich schnell klar, dass mit der Bohrmaschine an diesem Tag nicht mehr viel gehen würde. Nach wenigen Bohrhaken gab sie den Geist auf. Einfach abzubrechen kam für Leonie trotzdem noch nicht infrage – zumindest die Seillänge wollte sie fertig klettern. Also ging es vorsichtig weiter, ohne zu wissen, ob sich weiter oben ein geeigneter Trad-Stand finden würde. Zum Glück fand sich schließlich eine passende Möglichkeit. Für diesen Tag war Schluss – etwas früher als erhofft, aber mit zwei begonnenen Seillängen und einigen neuen Erkenntnissen über unsere Linie. Zurück im Camp war die Ursache des Problems zum Glück schnell gefunden.

Am nächsten Morgen waren Lisa und Jana an der Reihe. Sie arbeiteten sich zunächst bis zum Highpoint vom Vortag hoch und folgten von dort einem Pfeiler weiter nach oben. Schon von weitem war der markante Ausstiegsriss zu erkennen – offen war nur noch, wie man am besten dorthin gelangen würde. Als die beiden schließlich unter der letzten Seillänge ankamen, wartete genau das auf sie, was wir uns von unten erhofft hatten: eine perfekte Rissverschneidung. Rauer Kalk, ein durchgehender Traumriss und natürliche Absicherung – hier brauchte es keinen einzigen Bohrhaken.

Nach zwei Tagen war unsere Linie komplett.

Am nächsten Morgen stand noch das eigentliche Highlight an: Wir wollten die neue Route zu viert frei klettern. An Motivation fehlte es definitiv nicht – an frischen Armen und Beinen allerdings schon eher. Nach vielen Klettertagen und den für uns ungewohnten Bewegungen beim Bohren waren unsere Körper ziemlich müde. Jana und Lisa starteten als erste Seilschaft. Vor allem die ersten beiden Seillängen waren die klettertechnisch schwierigsten der Route und wurden von unten entsprechend laut angefeuert. Als beide die Schlüsselstellen geschafft hatten, war die Freude mindestens genauso groß wie bei ihnen selbst. Danach waren Leonie und Hannah an der Reihe und kletterten ebenfalls frei durch die ersten beiden Längen. Von dort wurde die Kletterei etwas entspannter. Gemeinsam ging es über den Pfeiler, durch Wasserrillen, Risse und kleine Verschneidungen und schließlich in die letzte Seillänge. Die rund 35 Meter lange Rissverschneidung, die uns schon während der Erstbegehung begeistert hatte, war auch beim Freiklettern noch einmal ein Highlight. Unser ziemlich eindeutiges Urteil: „Wie die Verschneidung im Bayerischen Traum im Schüsselkar – nur viel geiler!“

200 Meter und fünf Seillängen nach dem Einstieg standen wir schließlich alle vier oben. Die gesamte Route bis 7a war frei geklettert – und die Freude entsprechend riesig. Einen Namen bekam die Tour natürlich auch. Wir tauften sie „Örümcek Women“ – „Spiderwomen“. Mehmet hatte uns immer so genannt, wenn wir vom Klettern ins Camp zurückkamen. Also war der Name eigentlich schon gefunden, bevor wir überhaupt wussten, dass wir ihn für eine Route brauchen würden.

Am Abend hatte Mehmet sogar für uns gekocht und gratulierte uns zu unserer neuen Tour. Wir waren alle ziemlich glücklich und auch ein bisschen stolz auf das, was wir gemeinsam geschafft hatten. Weniger, weil wir damit irgendein großes Ziel abgehakt hatten, sondern weil die Tour genau das verkörperte, was unsere Reise bis dahin ausgemacht hatte: gemeinsam etwas Eigenes ausprobieren, Entscheidungen treffen, einander vertrauen, improvisieren, wenn etwas nicht funktioniert – und sich gegenseitig immer wieder motivieren.

Die nächsten Tage ließen wir es entspannter angehen, gingen noch Sportklettern und machten einen Ausflug zum berühmten Parmakaya, bevor sich unsere Zeit im Aladağlar langsam dem Ende näherte. Was uns neben den beeindruckenden Bergen und der genialen Kletterei besonders in Erinnerung bleiben wird, ist die unglaubliche Gastfreundschaft. Wir waren überrascht, wie herzlich wir von den Menschen vor Ort und der türkischen Klettercommunity aufgenommen wurden. Aus einem Klettertrip, bei dem wir vor allem eigene Linien im Kopf hatten, wurde dadurch mindestens genauso sehr eine Reise voller Begegnungen, gemeinsamer Abende, Çay und neuer Bekanntschaften. Und mindestens genauso besonders war für uns, dass wir diese Reise zu viert gemacht haben. Vier Frauen mit unterschiedlichen Stärken und Erfahrungen, bei denen es von Anfang an überraschend gut harmonierte. Vielleicht war genau das am Ende eines der schönsten Dinge an der Reise: Dass wir nicht nur mit einer neuen Route zurückkamen, sondern mit dem Gefühl, dass wir als Team gemeinsam deutlich mehr ausprobieren konnten, als jede für sich allein."

von Leonie Filz

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