Ein Meer aus orange-gelb-grauem Fels. In der Mitte ein Punkt. Langsam, kontrolliert bewegt er sich nach oben. Beim genaueren Hinsehen erkennt man eine Person: langes, wallendes Haar, muskulös – extrem muskulös, mehr Maschine als Mensch. Hier ein dynamischer Zug, da ein fast schon animalischer Schrei – und dann: Top.
Jeder kennt die legendären Videos von Chris Sharma aus Sleeping Lion. Schon länger spielen wir mit dem Gedanken, unsere – im Vergleich – schwächlichen Finger auch einmal an spanischen Felsen zu legen. Irgendwie hat bisher aber immer die Zeit gefehlt, da der Winter normalerweise für klassische Winteraktivitäten reserviert ist.
Da sich die Schneemassen diesen Winter jedoch in Grenzen hielten, wagten wir die schaukelige Überfahrt in den Süden. Per Fähre ging es von Genua nach Barcelona. Für mich war das allerdings kein maritimer Genuss: Aufgrund plötzlicher Seekrankheit liege ich die gesamten 20 Stunden komplett flach.
Dann endlich: Ankunft bei 20 Grad. Zuerst wird der obligatorische Kulturauftrag abgehakt – ein Besuch der Sagrada Familia (auch für Kletterer absolut empfehlenswert). Danach ein kurzer Abstecher nach Montserrat und – natürlich – der obligatorische Besuch beim Mechaniker. Der vielleicht, wie manch einem auffallen wird, nicht direkt unter „Kultur“ fällt – wer aber schon einmal die Gelassenheit spanischer Mechaniker erlebt hat, wird mir zustimmen, dass dies definitiv ein kulturelles Erlebnis ist.
Auto wieder fit – und weiter geht’s zum ersten Kletterstopp: Siurana. Hier bleiben wir zwei Wochen. Die Kletterei ist wirklich wahnsinnig gut. 40 Meter Kampfgelände – für feinste Unterarmschinderei ist definitiv gesorgt. Für uns trifft Siurana genau die Erwartungen die Kletterei ist schön leistig und steil, die Zustiege kurz und größenteils auch ohne Auto sehr gut machbar. Die Haut auf den Fingern wird innerhalb weniger Tage auf ein Mindestmaß vernichtet. „Van City“, ein Parkplatz etwas unterhalb der Felsen, ist der perfekte Schlafplatz und eine gute Gelegenheit, sich mit vielen coolen (und zum Teil auch recht lustigen) Leuten zu vernetzen. Das absolute Highlight aber ist „La Renaixença“, kurz „Rene“, eine Bar im Ort Cornudella. Hier lassen sich kiloweise Patatas Bravas verdrücken und gigabyteweise Serien herunterladen.
Die starken Sturmtage, die in unserem Urlaub leider etwas heftiger ausfallen – im Winter in Spanien aber durchaus Standard sind – nutzen wir als Restdays. Und die lassen sich hier hervorragend aussitzen. Ein echter Geheimtipp! Rene’s WiFi haben wir definitiv ins Herz geschlossen.
Dementsprechend fällt uns der Abschied schwer. Wir haben uns gut mit Bibi und Sebi aus Innsbruck angefreundet, die unsere Liebe zu Rene’s Bar teilen – die wir aber für unseren nächsten Stopp zurücklassen müssen. Doch die Bilder unserer nächsten Destination lindern den Schmerz: Riglos.
Riglos – ein kleines Dorf am Fuße der Pyrenäen, bekannt für seine steilen Konglomerat-Türme. Die Kletterei ist hier ganz anders: Geklettert wird an riesigen Henkeln, die wie angeklebt wirken. Die Routen sind auch in den niedrigen Schwierigkeitsgraden eher steil, aber dafür größenteils hervorragend abgesichert.
Wir bleiben drei Tage und können unter anderem am zweiten Tag die weltbekannte „Fiesta de los Biceps“ klettern – ein echter Lebenstraum. Diese Linie ist so beeindruckend und einzigartig: 250 Meter Kletterei, Seillänge um Seillänge immer überhängender, bis man kurz vor dem Topout im Hängestand hängt und die Seile ins Nichts fallen. Eine Neuinterpretation von Ausgesetztheit, die uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Gott sei Dank hat unser Bizeps die Fiesta gut überstanden und in der Tour keine Siesta gebraucht.
Zum Schluss geht es noch nach Südfrankreich in die Calanques, wo wir Magdis Bruder treffen und noch einmal drei Tage mit ihm unterwegs sind. Zu den Calanques gibt es eigentlich nicht viel zu sagen: traumhafte Natur am Meer, Kletterei in allen Schwierigkeiten – nur das Auto lässt man hier besser gut verschlossen.
Heim geht es dann in Begleitung einer spektakulären Lichtershow an Warnleuchten. Der Caddy braucht jetzt erstmal Ruhe – und unsere Finger auch.














