Monday, 31.10.2011

bergung am walkerpfeiler

florian klingler berichtet

eine große wand, ein großes vorhaben
es sind die großen wände, bei denen der gipfel und das gesamterlebnis weit mehr zählen als der schwierigkeitsgrad der route. viele habe ich bislang noch nicht durchsteigen können, aber das erlebnis war jedes mal prägend und nachhaltig. auch mein erlebnis am walkerpfeiler der grandes jorasses wird mir für immer in erinnerung bleiben, auch wenn es etwas anders als geplant verlief...
   
der walkerpfeiler war mir als die zweithöchste nordwand der alpen natürlich ein begriff: 56 seillängen, knapp 1.600 klettermeter, kombiniertes, hochalpines gelände und ein nicht enden wollender abstieg. mein freund hansjörg pfaundler hatte die route bereits seit jahren vor augen, die nordwand des eigers und die des matterhorns hatte er bereits durchstiegen. die der grandes jorasses fehlte ihm noch.
es war nicht schwer für hansjörg, mich für das abenteuer walkerpfeiler zu gewinnen. ich hatte ab dem 11. juli 2009 beruflich in chamonix zu tun. hansjörg würde drei tage später nachkommen, und dann wollten wir die einzigen, uns beiden frei zur verfügung stehenden tage des sommers nutzen, um den walkerpfeiler zu klettern.   
die zeichen stehen auf sturm
wie zu dieser zeit üblich, war gerade ein bergführerausbildungskurs in chamonix, und deshalb etliche tiroler in der gegend. diejenigen, die am leschaux gletscher und somit am fuße der jorasse unterwegs waren, berichteten in eher ernüchternder weise von den verhältnissen am walkerpfeiler. es sei noch sehr viel schnee in der wand und somit für eine begehung wohl zu früh, war immer wieder zu hören.
mit hansjörgs ankunft hatten wir ein zeitfenster von fünf tagen. der wetterbericht sagte wechselhafte bedingungen voraus. einzig der donnerstag sollte wolkenlos, windstill und warm sein.
 
am tag nach hansjörgs ankunft fuhren wir mit der zahnradbahn nach montenvers und wanderten gemütlich über das mer du glace zum refuge du leschaux. auf dem weg dorthin konnten wir einige fundstücke sichten: ausgeaperte karabiner, schi, pickel und sogar helme. wie mag es deren besitzern wohl ergangen sein?
kurz vor einem aufkommenden gewitter erreichten wir die leschaux hütte, wo die freundliche wirtin delphine uns sogleich von den versuchen der am gletscher biwakierenden russen berichtete. drei mal waren die russen bereits beim rebuffat-riss umgekehrt, der schon von der hütte aus total nass erschien. delphine informierte uns auch, dass im gesamten letzten jahr niemand den walkerpfeiler geklettert war.   
 
die aussagen der bergführer, der dreimalige rückzug der russen und die verhältnisse in der wand ließen und natürlich nicht kalt. doch wir fühlten uns gut und wollten es unbedingt versuchen. dass der berg bei einem unterfangen in dieser größenordnung ein wörtchen mitzureden hat, dessen waren wir uns voll und ganz bewusst.
unsere taktik, die route im „running belay“1 zu klettern, hatten wir bereits zuvor festgelegt. diese technik hatte sich auch schon bei anderen vorhaben aufgrund der schnelligkeit bewährt. wir wollten die route vom refuge de leschaux (2.431 m) auf den gipfel (4.208 m) und hinab zur boccalatte hütte (2.804 m) unbedingt innerhalb eines tages bewältigen. das mussten wir auch, da für den freitag ein wettersturz vorausgesagt wurde.   
der berg wirft mit steinen
nach einem ausgiebigen abendessen und wenig schlaf starteten wir mit je ca. 13 kilo ausrüstung planmäßig um 01:00 uhr vom refuge de leschaux. wir waren bereits kurz vor dem bergschrund am fuße der wand, als sich mit einem lauten donnern steinschlag ankündigte. die funken des granits konnten wir durch die ganze wand verfolgen, bevor das geröll leicht rechts von uns ins gletschereis einschlug. gewarnt beschlossen wir, das rechte eisfeld am fuße der wand zu meiden! ohne viel zeit zu verschwenden, stieg hansjörg in schottischer kletterei direkt vom bergschrund aus in die felsplatte ein, die den beginn des pfeilers markiert. die kletterei an dem vom gletscher glatt geschliffenen fels war von anfang an sehr anspruchsvoll. umso erleichterter waren wir, bald direkt am pfeiler und und somit außerhalb der schusslinie des steinschlags zu klettern. doch auch hier zeigten das warme wetter und der offensichtliche anstieg des permafrostes ihre wirkung: immer wieder lösten wir unbeabsichtigt steine, der fels zeigte sich in vielen passagen sehr brüchig.

die zeit ist auf unserer seite
ohne pause kämpften wir uns, schweißnass aufgrund der überraschend hohen temparaturen, voran. den rébuffat-riss, die 90 meter-verschneidung, den „abseiler“: all diese bekannten passagen der route brachten wir zügig im running belay hinter uns. wir waren gut im zeitplan und hatten unseren „point of return“, den wir zuvor für eventuell auftretende schwierigkeiten definiert hatten, längst hinter uns gelassen…   
auch wenn die ca. 40 bis dahin gekletterten seillängen nicht spurlos an mir vorüber gegangen waren und mir die kurze verschnaufpause auf 3.800 metern sehr gelegen kam, so waren hansjörg und ich fix davon überzeugt, in wenigen stunden am pointe walker zu stehen. ich nahm mir zeit, um meine trinkflasche an einer der vielen triefend nassen felspassagen zu füllen, bevor hansjörg voll gipfellaune wieder die führung übernahm.   
 
hansjörg kletterte zügig vom stand weg, auf den ersten zehn für mich einsehbaren klettermetern hatte er aufgrund der schlechten felsqualität keine sicherung gelegt. dann verschwand er aus meinem blickfeld. als schließlich nur noch wenige meter schlappseil übrig waren und ich gerade anfangen wollte, den standplatz abzubauen, durchbrach ein lauter schrei von hansjörg die bergidylle. ich konnte ihn nur kurz im sturzflug sehen, bevor er weiter auf die andere seite des pfeilers stürzte und aus meinem blickfeld verschwand.   
 
er antwortet nicht   
 
das stoppen des sturzes und fixieren am stand gingen reflexartig. sofort versuchte ich mit hansjörg kontakt aufzunehmen, doch meine rufe wurden nicht erwidert. das einzige, was ich zu hören bekam, war das echo meiner eigenen schreie. das gefühl des „ausgesetztseins“ bekommt in einer solchen situation eine neue intensität. ich wusste, dass hansjörg zumindest bewusstlos war und dass ich keine zeit verlieren durfte…
aus ungewissheit über die qualität der zwischensicherung, die seinen sturz gehalten hatte, verstärkte ich schnell den aus nur einem alten schlaghaken bestehenden standplatz. nun wollte ich zu hansjörg klettern, musste jedoch nach wenigen metern stoppen: seil aus. ohne viel zeit zu vergeuden, wählte ich den notruf und wurde sofort zum hubschrauberpiloten durchgestellt, der zufällig in der nähe war. ich beschrieb unsere notfallsituation, zuerst auf englisch, dann zur sicherheit auch noch in meinem mehr als verstaubten französisch.
dann hängte ich mich aus dem stand und kletterte soweit wie vom seil her möglich zur pfeilerkante. nun, endlich, sah ich hansjörg, der regungslos kopfüber im seil baumelte: sein helm fehlte und er hatte zahlreiche, stark blutende schnitte am kopf...
zurück am stand ließ ich ich hansjörg ein paar meter ab, bis er an einem felsenband lehnte und nicht mehr frei baumelte. da konnte ich ihn stöhnen hören– das erste lebenszeichen! sofort informierte ich den piloten über hansjörgs kopfverletzungen und kletterte zurück in richtung hansjörg um die kante. er war stark benommen, nahm mich nun aber wieder wahr.
gottseidank, er jammert   
so skurril es klingen mag, aber ich war so unglaublich froh, als hansjörg anfing, über seine schmerzen im rücken und im sprunggelenk zu klagen, denn so glaubte ich zu wissen, dass sein kopf nicht schwer verletzt war. nach weiteren fünf minuten (insgesamt waren seit dem notruf ca. 15 minuten vergangen) war der helikopter da, konnte uns jedoch trotz genauer ortsangabe nicht sofort finden! nur um wenige hundert meter flog er mehrfach an uns vorbei. diese minuten waren für mich unglaublich nervenaufreibend – umso froher  war ich, als man uns endlich entdeckt hatte.   
 
hansjörgs bergung ging schnell und professionell über die bühne. nachdem er bei der leschaux hütte erstversorgt wurde, wurde auch ich aus der wand geborgen und zusammen mit hansjörg nach chamonix geflogen. hansjörg wurde mit sauerstoff versorgt, das verabreichte morphium versetzte ihn in eine art tiefschlaf. in chamonix musste ich den helikopter verlassen, als ein weiterer notarzt zustieg. hansjörg wurde weiter nach sallanches geflogen.   
 
das wiedersehen im krankenhaus   
für mich war die 30-minütige autofahrt von chamonix nach sallanches mit der schlimmste teil des tages. die ungewissheit über hansjörgs verletzungen machte mich fast verrückt. endlich beim krankenhaus angekommen, stürmte ich in klettermontur in die notaufnahme. man wollte mich zuerst nicht zu hansjörg lassen, nach 15 minuten wartezeit wurde ich unangenehm und bestand darauf, ihn zu sehen. ein riesiger stein fiel mir vom herzen, als hansjörg bei bewusstsein war und mich sofort erkannte, als ich sein zimmer betrat. wir unterhielten uns über den hergang des unfalls, an den er sich zu diesem zeitpunkt so gut wie nicht erinnern konnte.   
die diagnoise: frakturen im schulterblatt, serienrippenbrüche am rücken und frakturen im sprunggelenk, sowie ein pneumotorax mit verdacht auf lungenembolie. prellungen, hämatome und platzwunden rücken in den hintergrund. von nun an übernahmen maschinen auf der intensivstation die kontrolle über seinen körper und mit starken medikamenten wurden seine schmerzen gelindert.  
 
schnell wurde uns klar, dass ihn sein kletterhelm und rucksack vor tödlichen verletzungen bewahrt hatten. der komplett deformierte kochtopf und die zerbeulte trinkflasche sowie der zerbrochene helm weisen auf die brutalen kräfte des sturzes hin. ebenso wurde uns bewusst, dass nur die rasche hubschrauberbergung ihm das leben gerettet hatte.
 
mit der zeit konnte sich hansjörg wieder an den hergang des unfalls erinnern: die verhängnisvolle situation ereignete sich in kombiniertem gelände, als ihm der tritt ausbrach, während er gerade eine sicherung anbringen wollte. als er reflexartig den griff fixierte, brach auch dieser unter der belastung seines körpergewichts aus. ab diesem zeitpunkt war der sturz nicht mehr zu verhindern und es ging in rückenlage knapp über 20 meter bergab. hansjörg schlug mit rücken und kopf auf, die letzte zwischensicherung (ein alter schlaghaken) hatte den sturz gehalten.
der helm zerbrach beim aufprall und stürzte zusammen mit den expressschlingen, die hansjörg an einer schlinge um den hals trug, in die tiefe. sie werden wohl eines tages talauswärts wieder vom gletscher ausgespuckt werden, wie es mit den karabinern und pickeln der fall war, die wir beim zustieg bewundert hatten. in jedem fall hat er sein leben gerettet.
je länger wir uns über den unfall unterhielten, umso klarer wurde uns, dass wir großes glück gehabt hatten - und einige richtige entscheidungen getroffen hatten. so hatten wir vor dem aufbruch noch überlegt, ob wir eventuell nur ein handy mitnehmen sollen. wäre dies bei hansjörg gewesen, wäre der tag wohl anders verlaufen! auch wurde uns klar, dass der unfall letzten endes auf eine eventualität (lockerer griff) zurück zu führen war, gegen die wir uns nicht hätten versichern können.
bei einem so großem unternehmen wie dem unseren können nicht alle gefahren ausgeschaltet werden. wohl aber kann man vorsichtsmaßnahmen treffen - die handies mit den gespeicherten notrufnummern waren eine. für die zukunft haben wir außerdem gelernt, daß signalfarbene kleidung die suche nach kletterern in der wand erheblich erleichtern kann.
die dauer von hansjörgs rekonvaleszenz gibt die ausmaße seiner verletzungen wieder. 31 tage verbrachte er im krankenhaus, die therapie zog sich über monate. nun aber, bereits ein halbes jahr nach dem unfall, ist hansjörg schon wieder in den bergen unterwegs, und hat gottseidank keine bleibenden schäden vom sturz am walkerpfeiler mit sich getragen. wohl aber bleibende erinnerungen! wir bereuen es nicht, es versucht zu haben - sind aber selbstverständlich dankbar über den glimpflichen verlauf. sobald es für hansjörg wieder möglich ist, wollen wir wieder hin, um zu vollenden, was wir begonnen haben.
 

1erklärung „running belay“
synchrones klettern einer seilschaft. der vorsteiger kann so lange klettern, bis kein material für zwischensicherungen zur verfügung steht, während der nachsteiger am seilende in der geschwindigkeit des vorsteigers nachklettert. gesichert wird der nachsteiger mittels tiblocs an zwischensicherungen und der vorsteiger durch das gewicht des nachsteigers.
mit 4 tiblocks können 5 seillängen (bei 40-m-seilen 150 bis 200 m) synchron durchgeklettert werden. durch die ersparnis von 4 ständen und dem gleichzeitigen klettern ergibt sich eine enorme zeitersparnis! diese taktik ist aber nur in gelände zu empfehlen, in dem sich beide kletterer der seilschaft absolut sicher fühlen. sicherungstechnische fehler sind tabu, stürze, die beim alpinen sportklettern in normaler wechselführung ohne konsequenzen passieren können, können im „running belay“ fatale folgen haben.    
 
ausrüstung
persönlich:
lange funktionsunterwäsche, stutzen, funktionskletterhose, fleecepullover, goretex jacke, eiskletterhandschuhe, sturmhaube leicht u. schwer, stirnlampe, goretex überhose leicht, daunenjacke, helm, hüftgurt, kletterpatschen, bergschuhe, steigeisen, 35-l-rucksack, mobiltelefon (!), 2 l apfelsaft mit wasser, sonnenbrille.
gemeinsam:
3 eisgeräte, 4 eisschrauben mittellang, 8 friends 0,5/1/2/3, 5 tricams, 8 bandschlingen 80 cm mit karabiner, 18 expressschlingen, 4 tiblocs, 2 x 5 m reepschnüre, 2 x prusikschlingen, 10 schraubkarabiner leicht, 2 x tuber mit hms-karabiner, 1 abseilring, 1 notfallmesser, 2 x halbseile 40m.
höhenmesser, kompass, karte 1:25000, topo, erste hilfe, kabelbinder, leatherman, 2-mann biwaksack, pocket rocket kocher mit gaskartusche, alu kochtopf, reservehandschuhe, nüsse & schokoriegel, 3 red bull, 1 travellunch, 1 suppe, sonnenschutz.   
 
fotos: florian klingler, hansjörg  pfaundler