Montag, 31.10.2011

sunline

eisklettern im kaunertal

seit wochen beobachte ich wie mit jedem kalten wintertag hoch über dem kaunertal ein neues abenteuer wächst. seit nunmehr vielen jahren ist es die faszination der perfekten linie, die mich magisch anzieht, ja fesselt.

8.1.10, egon und ich stapfen die letzten meter zum einstieg einer linie, die in unseren köpfen schon lange existiert und sich nun endlich auch im eis manifestiert.

schon oft war ich in gedanken hier oben, doch was mich gerade hier lange zeit davon abhielt hand anzulegen, war schlichtweg der respekt.
nicht etwa der respekt vor den schwierigkeiten, nein ganz einfach der respekt vor dem, wie?

eine erstbegehung bei derart schwierigen routen, von unten und mit ausschliesslich konventionellen mitteln, erfordert grösstmögliche umsicht und ein hohes mass an erfahrung und können. doch bei all der vermeintlichen erfahrung, irgendwann kommt der punkt – will man sich nicht unbedingt das genick brechen - wo man die linie entweder jungfräulich belässt oder den bohrhammer ansetzt.

und so stehen wir nun unter der ersten seillänge, einem ca. fünf meter waagrecht ausladenden dach mit abschliessendem eislutscher. auch jetzt zögere ich noch, wirklich den bohrer anzusetzen!

doch meine philosophie bröckelt, seit letzten winter im piztal das „letzte einhorn“ mit der bohrmaschine erlegt wurde – eine route, die auch egon und mich mehr als zehn jahre beschäftigt hat.

ende der neunziger jahre flog ich bei unserem erstbegehungsversuch des einhorns samt dem frei hängenden zapfen, auf dem ich kletterte, aus der wand. wir seilten ab und warteten, bis die säule vielleicht irgendwann wieder lang genug sein würde, um einen neuen versuch zu starten.
natürlich wäre es schon damals ein leichtes gewesen, die schlüsselstelle  mit einem einzigen bohrhaken abzusichern und zu klettern.

doch das taten wir nicht: es war und ist mir persönlich wichtig, die essenz des eiskletterns zu erhalten, das spiel mit den elementen: beobachten, warten, probieren, umkehren, oder eben rausfliegen und abseilen. gerade in dieser fairen haltung lieg meiner meinung nach ein schier unerschöpfliches potential an kreativität und entwicklungsspielraum.

in anbetracht der aktuellen entwicklungen, nicht nur in besagter route, war mir jedoch eins klar: mitmachen – und eben auch bohrhaken verwenden – oder zuschauen, wie es jemand anders tut.

und so kam sie dann eben mit, die bohrmaschine, bei unserem versuch dieser gigantischen linie. nach ca. 30 klettermetern und 5 bohrhaken richte ich in einer kuscheligen nische den ersten stand ein. egon bringt den nachschub und flucht ordentlich, der schwere rucksack zieht ihn erbarmungslos in die expressschlingen.  

war ich am einstig noch unentschlossen, bin ich nun total euphorisch.
die bohrhaken sind absolut berechtigt, und die linienführung die der triller ermöglicht, lässt an ästhetik, schwierigkeit und eleganz nichts zu wünschen übrig.

auch die zweite seillänge schenkt uns keinen meter leerlauf und endet unter einem fantastisch fragilen 40-meter-zapfen.
der erste rotpunktversuch, wenige tage später, scheitert im sturzbach der dritten länge, die säule schwitzt erbarmungslos in der sonne. die westseitig gelegene route steht ab mittag voll in der sonne und bestraft langschäfer. erst zwei wochen später gelingt mir, zusammen mit meinem sohn christof, die rotpunktbegehung meiner ersten gebohrten mixedroute, der „sunline“.

fazit: ich bereue die bohrhaken nicht, dafür hat es einfach zu viel spass gemacht, diese elegante, anspruchsvolle linie klettern zu dürfen. es gibt zwar einiges, was ich in der „szene“ nicht nachvollziehen kann – und was vermutlich in erster linie mit der promotion von schwierigkeitsgraden und egos zu tun hat.
aber am endes des tages muss schliesslich jeder selbst wissen, wie viel abenteuer und  herausforderung er oder sie sich selbst übrig lässt und gönnt!“

florian schranz, sunline (m8/wi6), erstbegehung mit egon netzer im januar 2010.