Dienstag, 24.04.2012

Miyar Valley - Indien

letzter teil von gerhard´s und ines´ expeditions-trilogie

 
Wir wollen als Erstes den Westgrat“ von „David´s 62 Nose“ und deren logische Verlängerung auf den „Iris Peak“ machen. Eine großartige Linie, die einem vom Base Camp aus ins Auge sticht.

Dann war es immer klar für uns, dass wir die „Shangrila Ridge“ (600m, 5.10c R) auf den „Korklum Gou“ (5.618m) versuchen würden. Und schließlich stimmen wir auch überein, dass wir den Gipfel gleich nördlich davon versuchen würden.

 

“Four seasons in one day” – Iris Peak (5200m) West Ridge 600m, 5.11 a


Als wir über grasige Hänge aufsteigen, präsentiert sich das Miyar Valley im typischen Morgen Nebelkleid. Als die Sonne aufgeht, steigt das dichte Grau auf, und als wir am Einstieg unserer Linie stehen, werden wir in ein kaltes und feuchtes Grau gehüllt.

Die ersten Seillängen sind dann auch kein Problem, bevor sich die Wand dann aber massiv aufstellt und es ans Eingemachte geht.

Aufgrund der kalten und feuchten Bedingungen werden die folgenden 5.9 / 5.10 Längen eine echte Herausforderung, besonders weil es eine riesige lose Schuppe gibt, um die ich keine Ausweiche finde. So bleibt mir nichts anderes übrig, als Augen zu und durch..

 

Einige Seillängen danach traversieren wir über den Gipfel von „David´s 62 Nose“ und klettern in eine Scharte hinab. Dort stellt sich uns dann ein 20m hoher, steiler und brüchiger Felsabschnitt in den Weg. Zu unserem Glück gibt es einen Riss rechts davon, welchen wir mühevoll hinter uns bringen.

 Ab diesem Abschnitt haben wir keine weiteren Probleme. Wir klettern für weitere drei Stunden, und finden dabei von strahlendem Sonnenschein, mehr Nebel, leichten Hagel und etwas Regen alle Wettersituationen vor, die man sich vorstellen kann.

Zu allem Überfluss ist am Gipfel die Luft statisch stark aufgeladen, und somit fallen die Gipfelfreuden kurz aus. Nur ein schneller Kuss, und dann nichts wie weg von hier!

Wir können rasch über die Nordost Seite abklettern, weiter über eine Rinne absteigen und über ungefährliche Bändersysteme wieder fast bis zum Einstieg queren, wo wir alte Abseilstellen finden. Nach nur zwei Abseilern sind wir auch wieder schon wieder auf den Grashängen unter dem Einstieg. Erst hier können wir uns das erste Mal richtig über unsere Begehung freuen, ein breiter Grinser macht sich auf unseren Gesichtern breit.

 

“Kurt Albert Peak” (5.900m) - “Never ending story” (1.000m, 5.9 R)

 Bereits am nächsten Tag bringen wir den ersten Teil unserer Ausrüstung zum vorgeschobenen Lager im Dali Valley, zum Fuß des großen pyramidenförmigen Berges, den wir besteigen wollen. Nach vier Stunden Anmarsch und einem schwierigen letzten Abschnitt, finden wir einen unglaublichen schönen Fleck für unser Lager. Einen gletscherpolierten Dom, auf dessen Höhe ein riesiger Gletscher beginnt, und an dessen Ende weitere wunderschöne Granitgipfel thronen. Wir saugen kurz das Panorama auf, legen unsere Rucksäcke unter einen großen Block, und machen uns auf den Rückweg.

Am nächsten Tag geht es wieder retour bergauf, und am Nachmittag liegen wir bereits in der Sonne neben unserem Zelt und schauen uns die geplante Linie an. Ein extrem langer Grat beim Aufstieg und ein markantes Couloir beim Abstieg.

Erst beim zweiten Wettercheck am nächsten Morgen, gegen 5.00 Uhr, stehen wir auf, um kurze Zeit später im typischen Morgennebel über die Blockfelder zum Einstieg am tiefsten Punkt des Grates zu marschieren.

Wir klettern dann etwa 10 Stunden am Stück, grossteils simultan, über Abschnitte mit unterschiedlichster Felsqualität, von absolutem Bruch bis hin zu makellosen Platten und wieder zurück zu großen fragilen Felstürmen.

Wir klettern und klettern, immer auf der Hut nicht „stecken“ zu bleiben. An einem bestimmten Punkt kommen wir wieder direkt auf den Grat, und können den Gipfel des „Korklum Gou“ (5.618m) bereits weit unter uns sehen. Hört dieser Grat denn nie auf?

Nach weiteren, äußerst unangenehmen Seillängen über losen Fels, klettere ich um eine Kante und stehe plötzlich kurz unter dem Gipfel. Nur mehr ein kurzes Eisfeld und eine Traverse über eine lange Schneewächte. Eine halbe Stunde später stehen wir endlich am Gipfel, danken den Göttern des Miyar Valleys für die Gnade, hier stehen zu dürfen, fixieren Gebetsfahnen an einem Felsbrocken und machen ein paar Bilder.

Wieder gibt es kein großes Ruhmesgefühl oder Ähnliches. Wir sind glücklich oben zu sein, natürlich, aber unser Fokus ist bereits beim Abstieg und der einbrechenden Nacht.

Vom Gipfel machen wir ein paar kurze Abseiler über extrem schwieriges Gelände, mit vielen großen scharfen Schuppen. Wir müssen höllisch aufpassen, dass uns die Seilenden nicht stecken bleiben, und ich klettere zweimal ab, anstatt abzuseilen. Erst als wir ein anvisiertes Couloir erreichen, geht es in 60m Abseilern weiter.

Damit kommen wir rasch bergab, und auf einen kleinen Gletscher. Erst hier kommt wieder ein intensives Glücksgefühl auf, und einige Stunden später genießen wir vor unserem Zelt, warm eingehüllt in unsere Schlafsäcke, das großartige Panorama ins Dali Valley bei strahlendem Vollmond.

Wir möchten den Gipfel gerne „Kurt Albert Peak“ nennen, denn er hat mich in meiner Kletterphilosophie entscheidend beeinflusst, besonders hinsichtlich des Reisens und Entdeckens neuer Kletterdestinationen.

 

Korklum Gou (5.618m) - Shangrila Ridge (500m I-III, 600m 5.10c R)

 Am nächsten Morgen erreichen wir nach kurzem Abstieg den neuen Lagerplatz, von dem aus wir die „Shangrila Ridge“ in Angriff nehmen wollen. Um 3.00 Uhr starten wir los. In der Dunkelheit und bei wieder einmal aufsteigendem Nebel ist es schwierig sich zu orientieren. Nur die tiefschwarze Wand zu unserer Rechten, weist uns den Weg durch einen steilen Gully. Das Vorwärtskommen ist extrem mühsam, immer wieder rutschen wir große Stücke auf den losen Steinen zurück, oder feuchte steile Abschnitte versperren uns den Weg. Dann müssen wir über tückische Platten ausweichen und dabei höllisch aufpassen. Wir brauchen für die etwa 500Höhenmeter mehr als drei Stunden um jenen Punkt zu erreichen, an welchem ein Band zum Einstieg des eigentlichen Grates führt.

Wir haben einen guten Rhythmus und erreichen gegen 15.00 Uhr den Gipfel in immer wechselnden Wetterbedingungen. Sie sind aus unserer Sicht aber nicht alarmierend. Am höchsten Punkt bricht das Wetter dann jedoch völlig überraschend zusammen, und es beginnt zuerst zu Regnen und gleich darauf zu Schneien. Uns ist schlagartig klar, dass unsere ganze Energie darauf gelenkt werden muss, unversehrt von diesem Zapfen herunter zu kommen.

Ich könnte nun all die Kämpferei beschreiben, all die Probleme beim Seil abziehen, die eisigen Finger in denen nassen Handschuhen, in denen man nichts mehr spürt vor Kälte. Oder die Angst, als es plötzlich um unsere Köpfe zu „surren“ beginnt, oder das Problem den richtigen Weg bei weniger als 10m Sicht zu finden. Das Zittern unserer Körper weil wir durch und durch nass waren, oder die Panik als die Kommunikation zwischen mir und Ines abbricht.


Aber ich lasse es gut sein. Irgendwie schaffen wir es, abkletternd, und mehrere hundert Meter abseilend, zurück in den Gully. Dort wissen wir, dass wir es zum Glück geschafft haben, irgendwie schon runter kommen werden. Irgendwie entpuppt sich dann als Absteigerei auf losem Geröll in tiefen Schneematsch, Abseilerei über kleine Wasserfälle (denn ein kleiner Bach begann den Gully hinabzufließen) und über nasse Platten. Abseilstände auf Allem zu bauen, was wir gerade finden konnten, von fragwürdigen Klemmblöcken zu einzelnen Haken, die ich mit den Fingern hinter eine Schuppe schieben konnte.


Als wir in den Talkessel bei unserem Lager ankommen, spüren wir keinerlei Erleichterung und kein Abfallen der Anspannung. Denn der Ausgang der letzten Unternehmung, hätten wir nicht soviel Glück gehabt, war uns beiden völlig klar. Alles was wir in diesem Moment empfinden ist Demut, das Wissen um die Warnung der Götter des Miyar Valley, sie nun alleine zu lassen.

Mit dieser Feststellung ist uns gleichzeitig klar, dass unsere Zeit im Miyar Valley abgelaufen ist. Die Aufforderung an uns ist klar und deutlich, und so bereiten wir dankbar unsere Abreise vor. Wir wissen, dass wir unser Bestes gegeben haben, und fühlen uns durch die Besteigungen und Erlebnisse reich beschenkt.

Unsere „Lebensexpedition“ war schön, erfolgreich, intensiv und wild zugleich. Wir haben erreicht weswegen wir aufgebrochen sind, werden das Erlebte für immer in tiefer Zufriedenheit mit uns tragen und teilen können.


Wir möchten uns bei Austrialpin, dem Millet Expedition Project und Suunto herzlich für die Unterstützung bedanken. Ein weiterer, besonderer Dank geht an Kaushal Desai von „Above 14.000 feet“ und seiner crew, Baghwan, Ram und Balu. Wir hätten kein besseres Service und keine freundlichere Begleitung finden können, ganz zu schweigen vom köstlichen Essen!