Dienstag, 07.02.2012

Gerhard und Ines discover India

erfolgreiche Expedition ins Miyar Valley Teil 1 - die Anreise

Nicht (irgend)eine Expedition – sondern Lebensexpedition

Klettern ist für mich und meine Freundin etwas Schönes, es macht uns glücklich, durchdringt uns.
Oft haben wir uns nach einem aufregenden Klettertag in den heimischen Gefilden gefragt, wie toll es wohl wäre, gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen, zu versuchen in einem der großen Gebirge der Welt ein subjektiv „großes“ Abenteuer zu erleben.

Ein fernes Land sollte es sein, „höhere“ Berge, Granit, nicht zu kalt, mehrere Klettersziele vor Ort und eine Anreise die nicht zu lange ist. Nachdem wir unseren Anforderungskatalog zusammengestellt, und mit potentiellen Zielen verglichen hatten, kristallisierte sich rasch das Miyar Valley als „unsere“ Expeditionsdestination heraus.

Es sollte eine Unternehmung ohne Druck, frei von einer definierten Erwartungshaltung und von „wir müssen“ sein. Es sollte eine Lebensexpedition sein, ein Abenteuer, bei welchem wir unser Bestes geben würden, vielleicht auch an unsere Grenzen und wenn notwendig etwas darüber hinaus gehen würden.
Die Expedition würde aber immer eines bleiben: ein Selbstzweck! Etwas, das WIR beide teilen würden, egal was dabei herauskäme. Das Zulassen von Erlebnissen, an die WIR uns später gerne erinnern würden, und vielleicht einmal unseren Kindern oder Enkelkindern erzählen würden. „Damals, als wir in Indien hoch oben in den Bergen waren,....“


Das Miyar Valley – Lage und kurze alpinistische Geschichte

Das Miyar Valley befindet sich im Bundesstaat Himachal Pradesh, an der Grenze zur Region „Zanskar“. Es beginnt nördlich der Stadt „Udaipur“ und schlängelt sich über 100km dem Kang La Pass (5350m) entgegen, über welchen man nach „Padum“ kommt.

Im unteren Teil des Miyar Valley befinden sich zwei bekannte 6000er, „Phabrang“ 6172m und „Menthosa“ 6443m. Diese Gipfel wurden in den 60er und 70er Jahren von japanischen Expeditionen erstbegangen. Das „obere“ Miyar Valley wurde erst 1991 vom Italiener Paolo Vitali entdeckt. Mit nichts ausgestattet, als einem kleinen Foto einer geografischen Expedition, von einem wunderschönen, großen Felsturm, machte er sich auf die Suche, und entdeckte mehrere Seitentäler mit wunderbaren Klettermöglichkeiten, welche einem Trango Tower um nichts nachstehen .

In den darauffolgenden Jahren waren hauptsächlich weitere italienische Expeditionen aktiv, darunter Massimo Marcheggiani, Mario Manica und Bruno Moretti, von welchen wir dankenswerter Weise viele Infos und Informationsmaterial bekamen.

Ab dem Jahr 2000 zieht es pro Saison in der Regel ein bis zwei Expeditionen ins Miyar Valley, ihnen gelangen eine Reihe markanter Erstbegehungen.  Wir haben sehr von den bereitgestellten Fotos und Infos von Igor Koller und Vlado Linek, bzw. von Andrej Grmovsek profitiert. Seine Erstbegehung „Shangrila Ridge“, am „Korklum Gou“, war eine DER Linien, welche uns sofort ins Auge stach. Die erste Wiederholung dieser wunderschönen Route, war eines unserer großen Ziele.


Das Miyar Valley – ein wunderschöner Ort

Bevor wir das Miyar Valley erreichten, sind wir drei Tage in sintflutartigem Regen in Manali zum Warten verurteilt. Als wir endlich aufbrechen konnten, ereignete sich am Rotang La Pass ein massiver Felssturz, und wir steckten dort nochmals drei Tage fest. Nach persönlicher Inspektion des Erdrutsches und der lebensgefährlichen Aufräumarbeiten durch das Militär war uns klar: Hier gibt es so schnell kein Durchkommen! Also organisierten wir gemeinsam mit „Baghwan“, dem „Checker“ unserer Trekkingagentur einen Trupp Pferde, die unsere gesamte Ausrüstung am Erdrutsch vorbei transportierten, und wir so auf der anderen Seite unsere Reise fortsetzen konnten. Zehn zermürbende, holprige Stunden Autofahrt später, kamen wir in völliger Dunkelheit in Urgos an, welches ca. 25 km tief im Miyar Valley, auf etwa 3500m Seehöhe liegt. Von hier aus begann unser Fußmarsch.

Ich könnte nun viel über unsere Eindrücke vor Ort im Miyar Valley schreiben, möchte aber lieber einfach Igor Koller zitieren, der wunderschöne Worte für diesen wahrlich außergewöhnlichen Ort gefunden hat, denen nur mehr wenig hinzuzufügen ist:

“In den 40 Jahren, die ich damit verbracht habe auf Berge und Felswänden unterwegs zu sein, habe ich viele wunderschöne Gebiete, Ecken und Täler gesehen. Ich habe sogar noch mehr in Magazinen, in Büchern und in Filmen gesehen. Aber nichts desto trotz, würde ich das Miyar Valley als ein „Bergparadies“ bezeichnen. Vielleicht weil es jener Ort ist, an dem ich zuletzt geklettert bin. Wie auch immer. Von verschiedenen Blickwinkeln betrachtet scheint es jedoch kein rein „subjektives“ Gefühl zu sein. Denn dieses Tal weist derart viele natürliche Eigenschaften auf, die den Menschen nahe gehen.Vom kleinsten Detail, bis hin zum komplexen Ganzen, von der leblosen Natur bis zur Flora, Fauna, den Einheimischen, dem Tourismus, dem Trekking und den Klettermöglichkeiten. Ein Tal mit kleinen roten Kieseln auf den Schoterbänken des Flusses, mit aufregenden Bouldern die auf grünen Wiesen liegen, mit 1000 Meter hohen Obelisken aus rot-gelbem Granit, mit enormen Eiswänden und einer großen Anzahl an unbestiegenen 5000 und 6000 Meter hohen Gipfeln. Ein Tal, wo wunderschöne wilde Pferde durch unberührte Natur grasen, und wo man in den entlegenen Ecken für Wochen keine Menschensele antrifft. Ein Tal mit einer mystischen buddhistischen Atmosphäre, welche die menschliche Seele liebkost und beruhigt. Das ist das Miyar Valley. Ein Bergparadies im Indischen Himalaya!“

Die Stille der Berge hat sich aus meiner Sicht auf die Menschen dieses Tales übertragen, sie sind ruhig und tragen eine offensichtliche Gelassenheit in sich. Auch die Religion ist stimmig mit Ihrem Lebensrythmus, sie sind Buddhisten.

Ihr Überleben sichern sie durch Landwirtschaft, es werden händisch bis auf 3.800m Kartoffeln und Erbsen angebaut. Folglich wird hier physisch schwer gearbeitet, wovon die Gesichter und Körper der Menschen ein klares Zeugnis ablegen.
Es wird sehr einfach gelebt, auch wenn das Handy Zeitalter natürlich schon Einzug gehalten hat. Die bittere Armut jedoch, welche man in vielen Teilen Indiens antrifft, gibt es hier nicht. Bis ins kleinste Nest gibt es Schulen für die Kinder, die alten Leute sind im Alltag eingebunden. Die Menschen leben hier mit großer Würde.

Die Dörfer sind eine enge Ansammlung aus schönen Häusern und kleinen Stallungen, wobei überraschend viele der Gebäude neu und recht modern sind. Überall lagern riesige Holzstöße, und auf den Dächern sieht man große Heuschober. Der Winter ist lang hier oben, sehr lang. Von Mitte November bis in den April ist man aufgrund meterhohen Schnees komplett isoliert.

Im Gegensatz zu den Touristenorten, wird man hier nicht als Kunde, sondern als Gast gesehen, und unsere herzlichen „Namaste“ werden oftmals noch herzhafter und mit einem respektvollen Falten der Hände und einer leichten Verbeugung erwidert.

Anmarsch zum Base Camp

Wir vereinbarten mit unserer Trekking Agentur und den Pferdeführern, in drei Tagen vom Ort „Urgos“ aus zum Base Camp zu marschieren. Einerseits wollten die Pferdeführer natürlich so viele Tage wie möglich bezahlt bekommen, und andererseits wollten wir uns gut aklimatisieren. Der Trek wäre locker auch in zwei Tagen möglich gewesen, denn der Weg ist bis auf zwei kürzere Steigungen sehr flach, auf ca. 35 km legt man gerade einmal 300 Höhenmeter zurück.

So hatten wir viel Zeit um dieses schöne Tal richtig in uns aufzusaugen und jeden Abend einen Aklimatisationsmarsch zu unternehmen. Wir schlugen unsere Zelte auf märchenhaften Wiesen auf, die von klaren Gebirgsbächen durchzogen waren. Mitte Augst trifft man noch auf viele, teils riesige Schaf- und Ziegenherden, sowie auf frei herumziehende Rinder und Yaks, sowie kleine Herden von Pferden. Sie verbringen selbständig den ganzen Sommer auf diesen Hochweiden, und wandern von alleine beim Einbruch des Winters zurück in ihre Dörfer.

Base Camp

Nach zwei Tagen Marsch machte das Tal einen merkbaren Knick, und als wir um diese Biegung kamen, sahen wir in der Ferne die ersten Granitgipfel leuchten! Es war dies für uns ein besonderer Moment, denn nun wurde unsere Unternehmung hinsichtlich des Kletterns selbst erst Realität. Wir sahen uns tief in die Augen, grinsten uns an, und sagten nur: „Jetzt sind wir da!“

Das Basislager lag an einem malerischer Ort, einer saftigen grüne Wiese, welche von zackigen Granitbergen umringt, und mit zwei eiskalten, kristallklaren Quellen ausgestattet war.

Wir luden die Pferde ab, stellten die Zelte auf, und liesen uns zur Feier des Tages von „Ram“ und „Balu“, unserem Koch und seinem Helfer, ausgiebig bekochen. Denn wenn wir unsere Blicke nach oben richteten, wurde uns klar, dass wir in den kommenden Wochen viel Energie brauchen würden.

Die Sonne umstrahlte in fettem, orangem Licht die höchsten Gipfel, und wir waren – ohne die vielen Berge und Wände in den Seitentälern überhapt erblicken zu können – verzaubert von dieser Landschaft, und erahnten die tollen Möglichkeiten die sich boten.

Nun waren wir mitten drinnen in unserem Abenteuer. Das Hier und Jetzt, in welches wir uns durch unsere Vorbereitungen und unseren Einsatz versetzt hatten, füllte uns bereits mit einer großen Breite und Tiefe an Empfingungen aus. Wir waren dankbar und gespannt zugleich, denn bis jetzt waren wir ja noch keinen einzigen Meter geklettert!