Dienstag, 03.04.2012

Miyar Valley - Indien

Teil 2 zu Gerhard Schaar´s Indien Expedition

Unsere erste Route entpuppt sich dann als schöne Linie, der Felsen ist abschnittsweise extrem fest und fein zu klettern. Zugute kommt uns auch, dass es überraschend warm ist, wir klettern lange Strecken nur mit einem T Shirt. Bei diesen tollen Bedingungen geht es rasch aufwärts, und um 14.00 Uhr stehen wir dann schon am Gipfel, und benennen unsere Linie „The best of both sides“ 5.9, 350m.

 

Es ist ein atemberaubender Anblick, der sich uns hier am Gipfel bietet. Zum ersten Mal haben wir ein 360° Panorama über die umliegende Bergwelt. Die schier unendlichen Möglichkeiten machen es schwierig, weitere potentielle Ziele auszuwählen. Es bedarf ein „feines“ Gespür um festzulegen, welche Linie, welche Schwierigkeit und welche Berghöhe denn wohl der beste nächste Schritt ist.

 

Wir treffen schließlich die Entscheidung ins “Chhudong Valley” zu gehen, in welches wir einen sehr guten Einblick bekommen. Denn dort können wir einige potentielle Ziele ausmachen.


Im Chhudong Valley

 

Vom Base Camp aus steigt man ca. 700m einen steilen Grashang empor, um an den Taleingang zu gelangen. Hier führt ein flacher Abschnitt ins ca. 15km Tal, zuerst eine Stunde nebenl einem wilden Bach, bevor ein wilder Blockgletscher beginnt der nach mehreren Stunden Marsch zu einem flachen Eisgletscher wird.

 

Am Blockgletscher wird das Gehen zu einer Art “Drei schritte vorwärts, ein Schritt zurück” Odyssee. Auf den losen feuchten Steinen kommen wir mit den schweren Rucksäcken nur langsam vorwärts. Oft rutschen wir aus, kippen um, oder müssen bei kleinen Hindernissen große Umwege machen. Der Gletscher erscheint auf den ersten Blick vielleicht als starre Masse, aber in Wirklichkeit ist er ein gefährliches, sich langsam bewegendes Medium. Geröllmassen brechen ohne Vorwarnung an steilen Abhängen weg, sofagroße Blöcke fallen schlagartig um, und wir checken bald dass man sich hier als Seilschaft NIE trennen darf.

 

 

Nach insgesamt 5 Stunden Marsch finden wir einen geeigneten Platz für unser Lager, und hauen uns hundemüde aufs Ohr. Die erste Nacht hier oben verläuft dann extrem unruhig. Der permanente Steinschlag reißt uns immer wieder aus dem Schlaf, den bei Temperaturen von etwas über 0° C gibt der Berg einfach keine Ruhe.

Als wir am nächsten Morgen dann weiter gehen, sind wir völlig geschlaucht, und schaffen es gerade mal ca. 300 Höhenmeter aufzusteigen, wo wir wiederum ein Lager errichten. Wir rasten und essen gut, dann gehen wir los um die Wand für den nächsten Tag auszukundschaften.

 

Um die Gefahr von Steinschlag auf der Zustiegsstrecke so gut  es geht zu minimieren, geht es um 3.30 los. Um 5.30 sind wir am Einstieg, und nach drei Seillängen mit der Stirnlampe wird es dann auch hell und etwas wärmer. Wir “sausen” leichte Platten in gutem Tempo nach oben, unterbrochen von gelegentlichen 5.8 oder 5.9 Moves. Nach etwa 5 Stunden Klettern kommen wir in einen extrem schattigen, kalten und richtiggehend verrotteten Gully. Hier heisst es dann Arschbacken zusammenkneifen und durch! Eine extrem brüchige und nur sehr schlecht abzusichernde 5.9 Länge, sowie eine heikle Länge über ein verschneites Band, führt uns glücklicher Weise wieder in festen Fels an der Südseite, und bald stehen wir am Gipfel.

 

Ines und ich schauen uns tief in die Augen und fühlen die intensive Qualität dieses Moments. Wir haben einen Traum verwirklicht, stehen als erste auf einem unbestiegenen Gipfel, haben ein Geschenk bekommen haben, eine Erfahrung, welche unser gesamtes Leben bei uns sein wird. Die Erstbesteigung des “Gutzele Peak” (ca. 5.300m, South Ridge, 500m, 5.9R) gibt uns weiteres Selbstvertrauen, und der Zwang “bei der Expedition etwas erreichen zu müssen” ist nun völlig von uns genommen.

 

Zurück im ABC verlagern wir es an den “alten” Standort am Gletscher in der Talsohle, um einen idealen Ausgangspunkt für die nächsten Ziele zu haben, zwei Grate an der Südostseite des Tales. Hier möchten wir die erste Wiederholung der “Trident Ridge” (1000m, 5.9, Premsingh Peak 5.300m, 1. Beg. A. u. T. Grmovsek), und den Nachbargipfel, welcher unbestiegen ist, versuchen.


Leider bringen die nächsten Tage Regen, und auch unsere Essensvorräte neigen sich dem Ende zu. So bleibt uns nichts anderes übrig als wieder ins Basislager abzusteigen.

 

Hier genießen wir als aller Erstes eine „Dusche“ aus dem größten Alu – Topf unseres Koches. Als die Kleider vom Leib sind, müssen wir feststellen, dass uns die erste Woche bereits ordentlich Substanz gekostet hat. Es ist wie ein rechtzeitiger Schuss vor dem Bug, denn wir wissen, dass wir viel mehr zum Essen mit ins Hochlager nehmen müssen, sonst wird uns einfach der Strom ausgehen. Gott sei Dank werfen unser Koch Ram und seinen Helfer Balu fürs Erste einmal ungefragt die Kerosin Kocher an, und wir können uns den Magen mit fetten Käse – Tomaten Omelettes vollstopfen.

 

Nach zwei Tagen steigen wir wieder ins ABC auf, wo das Wetterglück wieder auf unserer Seite ist. So steigen wir gleich am ersten Tag in den anvisierten Grat ein, der auf einen ca. 5.200m hohen, unbestiegenen Gipfel führt. Nach einigen Seillängen wird die Kletterei total lässig. Es geht um große Felstürme herum und darüber, über eine steile Riss-Felsstufe, über einen super schmalen Grat weiter bis wieder leichte Platten beginnen. Die letzten 100 Höhenmeter im Solo sind reine Genußkletterei! Am frühen Nachmittag stehen wir dann am Gipfel des „Gou Gou Peak“ (ca. 5.200m), den wir nach einer sonderbar aussehenden Pflanze benennen, die wir in den Ausstiegslängen finden. Die „South Ridge“ (550m) bewerten wir 5.8.

 

Am nächsten Tag versuchen wir dann den Nachbargipfel „premsingh Peak“. Er wurde vom Slowenen Andrej Grmovsek und seiner Frau Tanja erstbegangen. Ihr Route „trident Ridge“ verläuft über drei markante Felsformationen, die tatsächlich wie scharfe Reißzähne aussehen. Die Kletterei ist fast ident wie jene am Vortag, was nicht sehr überrascht, sind die Routen doch nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Die „Trident Ridge“, 1000m, 5.9 R ist jedoch ein ganzes Stück länger, und wir wir sind froh diesen „Ausdauer Test“ gut bestanden zu haben.

 

Zurück im ABC entscheiden wir uns dann dafür, tiefer ins Chhudong Valley zu wandern, um uns den spektakulären “Neverseen Tower” und seine Nachbargipfel anzuschauen.

Einen von ihnen, den 5.750m hohen “Grandfather Enzo Peak” wollen wir auch beklettern.

 

Wir benötigen kraftraubende vier Stunden, um über den Blockgletscher zum Beginn des tatsächlichen Eisfeldes zu kommen. Von hier aus ist es im Vergleich zu vorher eine richtige “Autobahn” und wir kommen rasch vorwärts. Eine Stunde später haben wir tief ins Eis eingegrabene Bäche übersprungen, spektakuläre Gletscherbrücken überschritten, einen flachen Platz für das Zelt auf der Seitenmoräne und auch eine Wasserlache gefunden. Für unsere Anstrengungen werden wir mit einem wunderschönen Panorama belohnt! Hinter unserem Zelt thront der “Neverseen Tower”, ein 800m hoher Koloss aus bestem, orangen Granit!


Leider dreht am nächsten Tag das Wetter, und es schneit erstmals ordentlich auf den umliegenden Gipfeln. Als Tags darauf das Wetter plötzlich zu drehen scheint, packen wir rasch gegen 7.00 Uhr unsere Sachen und starten zum “Grandfather Enzo Peak” los. Ohne Satellitenverbindung sind wir rein auf die Interpretation der Wolken, des Luftdrucks auf unseren Suuntos und unser Gefühl angewiesen.

 

So passiert es uns, dass wir schnurstracks in einen weiteren Wetterumschwung hineinlaufen, und mitten im Aufstiegscouloir auf etwa 5.300m im Schneefall umkehren müssen. Unsere erste bittere „Niederlage“. Gegen die dicken Schneeschichten, die sich nun auf dem Gipfelgrat abzeichnen, ist jedoch kein Kraut gewachsen. Und obwohl wir so gerne auch auf einem dieser Gipfel im „hinteren“ Chhudong Valley stehen wollen, wird uns klar das Mutter Natur im Moment einen Aufstieg aussichtslos macht. So müssen wir unverrichteter Dinge von Dannen ziehen, und retour ins Base Camp.

 

Erst dort wird uns klar, was wir in den letzten zwei Wochen schon umsetzen konnten. Einen Berg erstbestiegen, eine neue Route erstbestiegen, und eine der schönsten bestehenden Linien (aus unserer subjektiven Sicht) als Erste wiederholt. Mit diesem erfreulichen Resümee im Hinterkopf laden wir uns in den kommenden Tagen Schlechtwetter nochmals ordentlich auf, und in uns entsteht die Motivation, uns in den letzten 10 Tagen im Miyar Valley noch einmal so richtig “hineinzuwerfen”!